Entscheidungsmanagement als Instrument zur Navigation durch Chancen und Risiken

Der Weg zur Klimaneutralität nimmt an Fahrt auf. Erst letzte Woche hat die EU die Energie- und Klimawende beschleunigt und das Ziel für die Reduktion von Treibhausgasemissionen bis 2030 von 40% auf 55% verschärft. Im Vorfeld zur nächsten UN-Klimakonferenz (COP26) im kommenden Jahr verpflichten sich immer mehr Länder zur Klimaneutralität und auch hier wird die Entwicklung immer dynamischer und konkreter. Auch wenn es bezüglich Definition der Klimaneutralität und geeigneter Maßnahmen unterschiedliche Ansätze gibt, gilt also quer über alle Länder und Branchen: es wird ernst mit dem Thema.

Neben den Zielen ist auch mit einer Beschleunigung von flankierenden politischen und regulatorischen Maßnahmen zu rechnen, um die Klimaziele zu erreichen. Der EU Green Deal hat das Ziel, mindestens 1 Billion Euro in der EU für nachhaltige Investitionen in der nächsten Dekade zu mobilisieren.

Wasserstoff, der Hoffnungsträger mit großem Potential…

Für Deutschland und Europa hat Wasserstoff zentrale Bedeutung im Rahmen der Erfüllung des Ziels der Treibhausgasneutralität 2050. Wasserstoff spielt im Energiesystem der Zukunft mehrere Rollen, und zwar als

  • Energieträger (z.B. als Treibstoff in der Mobilität)
  • Energiespeicher
  • Wesentliches Element der Sektorkopplung (z.B. für die Umwandlung und Speicherung von Überschussstrom aus erneuerbaren Quellen)
  • Grundstoff für die Industrie (z.B. für die Dekarbonisierung von Produktionsprozessen in der Industrie wie der Ersatz von Steinkohlenkoks in der Stahlindustrie)
  • Ergänzung zu abgefangenen CO2 Emissionen von bestimmten Industriequellen (z.B. Zement), wobei mit Hilfe von CCU das CO2 zusammen mit Wasserstoff in verwertbare Chemikalien umgewandelt wird (z.B. synthetische Treibstoffe)

Das Gesamtpotential für Wasserstoff ist gewaltig: Laut Analysten könnte grüner Wasserstoff bis zu 24% des Gesamtenergiebedarfs in der EU decken.

… und großen Herausforderungen

Ähnlich groß wie das langfristige Potential für Wasserstoff sind aber auch die Herausforderungen auf dem Weg zur Realisierung dieses Potentials:

1. Technologie und Kosten
Nahezu alle Technologien für die Erzeugung und Verwendung von CO2-freiem Wasserstoff sind derzeit wirtschaftlich nicht wettbewerbsfähig mit eingesetzten fossilen Brennstoffen. Die Wettbewerbsfähigkeit wird aufgrund von Skaleneffekten und technologischen Fortschritt für die Zukunft erwartet, die Prognosen für die Geschwindigkeit und Ausmaß sind allerdings mit Unsicherheiten behaftet.

2. Versorgung von Wasserstoff in ausreichenden Mengen
Technisch ist die Erzeugung von CO2 freiem Wasserstoff neben der Elektrolyse mit erneuerbarem Strom (grüner Wasserstoff) auch aus Erdgas möglich (mittels SMR Prozess aus Erdgas zu blauem oder mittels Pyrolyse zu türkisem Wasserstoff). Die gesellschaftliche Akzeptanz der beiden letztgenannten Verfahren ist aber unsicher, für die Versorgung Europas nur mit grünem Wasserstoff können aber die dafür notwendigen Kapazitäten an erneuerbaren Strom nicht aus Europa allein gedeckt werden, es müssen also Importströme aufgebaut werden.

3. Aufbau von Infrastruktur sowie Marktentwicklung (Henne-und-Ei Situation)
Neben der Verfügbarkeit von Wasserstoff müssen sowohl die Nachfrage nach Wasserstoffanwendungen als auch das Angebot von verfügbaren Modellen bzw. Technologien und benötigter Infrastruktur steigen. Dieser integrierte Marktaufbau sollte wenn möglich parallel erfolgen, Beispiele aus der Vergangenheit zu anderen Technologien haben aber gezeigt, dass das parallele Hochfahren von Angebot und Nachfrage nicht immer funktioniert.

4. Politisch-regulatorische Rahmenbedingungen
Die vorangegangenen Herausforderungen zeigen auf, wie sehr die Marktteilnehmer auf Politikinstrumente (wie z.B. CO2 (Floor-) Preis, Förderungen, Quoten, Carbon Contracts for Difference) zur Unterstützung der Transformation in Richtung Wasserstoffwirtschaft angewiesen sind. Die Politik hat den Bedarf erkannt, es braucht allerdings noch Zeit bis diese Rahmenbedingungen konkretisiert sind, zum Teil auch weil nicht alle Maßnahmen unstrittig sind bzw. internationale Kooperation erfordern.

Betroffene Unternehmen müssen handeln, aber wann und wie?

Angesichts der oben beschriebenen Herausforderungen ist der Weg nach vorne für Unternehmen in den betroffenen Branchen nicht einfach. Neben den Unsicherheiten gibt es auch noch viele Weichenstellungen, die sich durch den Aufbau einer gänzlich neuen Wertschöpfungskette für Wasserstoff ergeben. Die Komplexität mag dazu verleiten, Entscheidungen zu vertagen. Jedoch, ein bloßes Verzögern der Entscheidung ist auch nicht risikofrei, da einerseits der Status quo Risiken ausgesetzt ist (z.B. durch den Anstieg des CO2 Preises) und andererseits man den rechtzeitigen Einstieg in die neu zu gestaltende Wasserstoffwirtschaft verpasst. Mit dem Prozess der Entscheidungsfindung muss also rasch gestartet werden.

Anspruch an Entscheidungsfindung wird höher, die Gefahr von Fehlentscheidungen auch

Ein pro-aktives Handeln ist notwendig, angesichts der Unsicherheit und komplexen Fragestellungen, bedarf es eines qualitativ hochwertigen Entscheidungsmanagements. Werkzeuge aus der Entscheidungstheorie liefern hilfreiche Prozessschritte und Methoden für die Ermittlung des optimalen Entscheidungspfades.

Im ersten Schritt muss der Entscheidungsrahmen festgelegt werden. Dabei wird auf Basis der Problemstellung die Zielsetzung der Entscheidung als auch die „Flughöhe“ diskutiert und festgelegt. Im Falle von unterschiedlichen Zielen sollten dabei auch Prioritäten bzw. Regeln für Kompromisse definiert werden, um mögliche Zielkonflikte lösen zu können. Der gesetzte Entscheidungsrahmen öffnet den möglichen Lösungsraum für unterschiedliche Alternativen.

Wesentliche Fragestellungen bzw. Überlegungen zu den oben genannten Schritten sind in der folgenden Liste angeführt:

Festlegen des Entscheidungsrahmens

  • Geht es allein um Dekarbonisierung oder auch um möglichen Aufbau eines neuen Geschäftsbereiches?
  • Gibt es klare Vorstellung zur Positionierung in der Wertschöpfungskette?
  • Hat der Einstieg in Wasserstoff Auswirkungen auf das bestehende Geschäftsmodell?

Definition von Zielen und Trade-Offs

  • Was sind die Wirtschaftlichkeitskriterien (absolut und relativ zum Kerngeschäft); gibt es andere Ziele für Pilotanlagen?
  • Ist die Reduzierung des CO2-Fußabdruckes ein Ziel, sollen die CO2 Vermeidungskosten optimiert werden?
  • Gibt es Lernziele (Technologie)? Soll eine Kernkompetenz aufgebaut werden?
  • Sollen Wachstumsoptionen oder ein „Early-Mover“ Advantage geschaffen werden?

Entwicklung von Alternativen

  • Unterschiedliche Investitionszeitpunkte bzw. Geschwindigkeit der Transformation Richtung Wasserstoff
  • Art des Aufbaus (z.B. stufenweise Abwicklung von Projekten)
  • Partnerauswahl und Gestaltung der Kooperationsverträge
  • Interne Ressourcenallokation für den möglichen Aufbau einer Kernkompetenz
  • Schaffen von Realoptionen; eingebaute Flexibilität in der Entwicklung (z.B. für spätere Skalierung)
  • Technologieoptionen
  • Positionierung in der Wertschöpfungskette

Eine fundierte Analyse ermöglicht dann einen transparenten Vergleich der Risiken und Erträge der unterschiedlichen Alternativen. Die Methoden der Entscheidungsanalyse ermöglichen dabei nicht nur transparenten Vergleich der Risiko/Ertragsprofile der einzelnen Alternativen sondern ermöglichen auch Beantwortung spezifischer Fragestellungen wie z.B. die Frage nach dem Wert von Handlungsoptionen, den Wert des Wartens oder den Wert fehlender Information, d.h. welchen Wert für die Entscheidung bringt es, den Grad der Unsicherheit zu reduzieren (dieser Ansatz öffnet zum Beispiel weitere Alternativen, in denen in Information investiert wird).

Wesentlicher Input sind hierfür die Annahmen über die Zukunft. Um die Unsicherheit abzubilden, sollte dabei nicht nur eine Basisannahme getroffen werden, sondern ein probabilistischer Forecast über die möglichen Ausgänge getroffen werden (zumindest für die Annahmen mit dem größten Hebel auf das Ergebnis). Je nach Fragestellung könnten auch Szenarien eingesetzt werden.

Als letzten Schritt sollte man sich bewusst sein, dass auch nach der Investitionsentscheidung bis zum Ende des Implementierungspfades oft ein Entscheidungsspielraum besteht, der genützt werden sollte. Die zum Zeitpunkt der Entscheidung getroffenen Annahmen sollten laufend validiert werden, um bei Bedarf Anpassungen zu den gewählten Maßnahmen durchführen zu können.

Das Thema Wasserstoff nimmt zunehmend an Fahrt auf und wird betroffene Branchen über Jahre hinweg beschäftigen. Umso wichtiger ist es gerade jetzt, die Chancen und Risiken für das eigene Unternehmen zu evaluieren und auf Basis einer qualitativ hochwertigen Entscheidung die strategische Richtung festzulegen.

Autor: Daniel Dantine
© Decision Advisory Group GmbH